Das Spiegelbild

„Spiegelbild?“ fragte ich, als ich heute Morgen aufstand. „Spiegelbild, du weißt doch, dass du mir das Wichtigste bist, nicht wahr?“ Antwort bekam ich keine, vielleicht schlief es ja noch. „Du bist die einzige Person, die mich versteht. Du hörst mir zu, du antwortest mir und du verstehst mich, auch wenn wir nur wenige Worte bräuchten, um uns zu verstehen.“ Ist da ein Lächeln? Nein, wohl doch nicht, ich hab mich wohl geirrt. „Und weißt du, du bist immer da für mich. Wenn ich einsam bin, wenn ich diese ganze Welt nicht mehr verstehe, Rat suche, oder jemanden brauche, der mir wieder zeigt, dass dieses Leben voller Leid doch einen Sinn hat, dann muss ich nur zu dir gehen, und dich sehen. Alles wird dann wieder gut, dass weiß ich.“ Ich mache eine kurze Pause und bemerke meinen Schatten.

„Nein“, rede ich weiter „mein Schatten ist kein guter Begleiter. Er mag zwar an mir hängen und mich ewig begleiten, doch in Wirklichkeit ist er mir nur in den Konturen ähnlich. Mein Schatten kommt wahrlich nicht an dich ran, mein Spiegelbild.“ Wieder das Lächeln. Ach, dieses wundervolle Lächeln. „Vielleicht ist er mir ja deshalb nicht so sympathisch wie du, weil er mir immer zu Füßen liegt. Ja, das wird es sein. Während du aufrecht stehst, mir die Stirn bietest und mir auch wahrlich immer gewachsen scheinst, ist er nur ein kleines, verkümmertes Ding am Boden. Wie soll ich so etwas mögen oder gar lieben können?“

Ich habe es gesagt. Hat mein Spiegelbild es gehört. Ich hoffe nicht, denn was ist, wenn es nicht auch so fühlt. Nein, es wird diese Versteckte Botschaft schon nicht verstanden haben. Also fahre ich schnellstens fort: „Und weißt du, ich finde es so toll, dass du dich so wunderbar mit mir veränderst. Immer bist du mir gleich, auch wenn ich allen anderen auf dieser großen Welt ungleich bin, dir gleiche ich. Auch wenn ich mich einmal schnell verändert habe, sehe ich dich an, und sehe mich, und doch nicht. Es ist, als wüsstest du immer, was ich denke, und das gefällt mir, besonders da es Gedanken gibt, bei denen es mir schwer fällt, sie auszusprechen. Aber das weißt du ja bestimmt.“ Ich lächle, und mein Spiegelbild erwidert dieses Lächeln. Ein gutes Gefühl.

Doch plötzlich wird meine Miene dunkel, und auch es sieht mit einem Schlag traurig aus, als würde es schon wissen, was ich denke, und deshalb Schmerzen leiden, wie auch ich es tue. „Aber was ich wirklich hasse, oh mein Spiegelbild, ist das grausige Schicksal, dass dich mir doch unerreichbar macht. So gern ich es auch wollte, ich gelange nicht zu dir, immer ist diese Barriere zwischen uns, die ich einfach nicht zu durchdringen vermag. So gerne würde ich dich spüren, würde dich an mich drücken, und nicht mehr loslassen. So gerne würde ich deine Haut an meiner fühlen, den warmen Hauch, der dich umgibt, doch ich weiß, dass dies nicht passieren wird.“ Mein Spiegelbild fixiert mich. Seine Augen und meine Augen treffen sich, als ich weiter spreche. „Du weißt doch was das heißt? Du weißt, was ich damit sagen will, welche Gefühle ich damit versuche zum Ausdruck zu bringen?“ Noch nickt es nicht, da es weiß, dass ich noch mehr sagen will. „Du weißt wie wertvoll du mir bist, und dass ein Leben ohne dich traurigste Einsamkeit bedeuten würde. Du weißt es, nicht wahr?“

Es nickt. „Ich würde dich so gerne halten…“ murmle ich verzweifelt, Tränen steigen mir in die Augen. Als ich wieder aufsehe, merke ich, dass dies jedoch nie passieren wird. Ich merke, dass alle Hoffnung vergebens ist, und mein Spiegelbild mir niemals so nah sein wird, wie ich es mir sehnlichst wünsche.

Und ich weine…weine wie selten in meinem Leben.

15.7.08 15:20

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen